Future Marketing Skills, Episode 05. Diese Episode anhören auf: Spotify | Apple Podcasts
Transkript dieser Episode ein- und ausklappen
Redaktionell bereinigtes Transkript dieser Podcast-Episode. Grundlage ist das automatisch erstellte Aufnahme-Transkript; Formulierungen wurden zur Lesbarkeit behutsam geglättet und um Begrüßungs-, Smalltalk- und Organisationspassagen gekürzt. Einzelne Passagen können vom gesprochenen Wort abweichen.
Anne Hunecke: Wenn es darum geht, wer bringt eigentlich die Innovation, wer geht die Extra-Meile, wer ist das Gesicht zum Markt und Kunde, dann sind es einfach die Mitarbeitenden. Und das ist ein grundlegendes Verständnis, das wir in Marken- und Marketingabteilungen, aber insbesondere auf der Management-Ebene als Grundsatz haben sollten.
Susanne: Herzlich willkommen zur fünften Episode meines Podcasts Future Marketing Skills. Hier stelle ich dir Fähigkeiten vor, die unser Leben im Marketing einfacher machen, Fähigkeiten, die wir erst on the job lernen und auf die uns keine Ausbildung und kein Studium vorbereitet. Meinen heutigen Gast habe ich auf einer Fachkonferenz kennengelernt und anmoderiert, und schon dabei dachte ich: Was für ein genialer Jobtitel. Ich begrüße ganz herzlich Anne Hunecke. Schön, dass du da bist.
Anne Hunecke: Ganz lieben Dank für die Einladung, Susanne. Wir haben uns letztes Jahr in Berlin kennengelernt, es war total verregnet, und wir hatten über das Thema Jobtitel diskutiert. Umso mehr habe ich mich über deine Einladung gefreut. Und herzlichen Glückwunsch zum Launch deines Podcasts. Die ersten Gespräche fand ich fantastisch, insbesondere das erste mit Ines Ulrich, da gibt es vielleicht die eine oder andere Parallele zu unserem Gespräch heute.
Susanne: Danke, dass du Ja gesagt hast. Lass uns direkt in dein Leben reingehen: Wie bist du ins Marketing gekommen, und was machst du heute?
Anne Hunecke: Das ist vielfältig, in meinem 20-jährigen Marketing-Leben ist einiges passiert. Ich fange am Anfang an: In der Schule hatte ich überhaupt keine Vorstellung, was ich machen möchte. Das Einzige, und don’t judge me, das ist Cringe: Mit 15, 16 hatte ich die komische Vorstellung, dass ich in einem modernen Glasgebäude arbeite und in Kostüm und High Heels herumlaufe. Wer mich heute kennt, erlebt mich sehr selten in High Heels. Nach dem Abi habe ich Internationales Management studiert, weil mich immer schon interessiert hat, etwas mit Kulturen und Ländern zu machen. Bei den ersten Praktika war ich bei Siemens in München, erst im Eventmanagement, dann in der PR, klassische Pressearbeit. Das war mein Startschuss in die Marketingwelt, und da bin ich nicht mehr weggekommen.
Susanne: Jetzt musst du noch verraten, was das für ein genialer Jobtitel war.
Anne Hunecke: Der Jobtitel, der dich begeistert hat, war Head of Brand Activation, meine letzte Rolle. Dazwischen lagen viele Stationen. Nach dem Studium bin ich in einem Industrieunternehmen gestartet, einem typischen Hidden Champion, wie wir in Deutschland so viele haben: ein Familienunternehmen, das mit mittlerweile 20.000 Mitarbeitenden aber schon Konzernstrukturen hat. Ich bin dort im Produktmanagement gelandet und habe im Sinne der klassischen vier P nach Philip Kotler gearbeitet. Ich hatte aber immer ein Faible für die Vermarktungsthemen. Wann immer jemand gebraucht wurde, der ein Training macht oder einen Text schreibt, war ich diejenige. Nach ein paar Jahren wurde ich gefragt, ob ich die Marketingkommunikation für einen Geschäftsbereich übernehme. Das war eine sehr klassische Funktion, wie in vielen B2B-Unternehmen: Kampagnenentwicklung, Leitmessen, Pressearbeit, der klassische Produktkommunikationsjob, bei dem es darum geht, Produkte im besten Licht dastehen zu lassen. Das habe ich einige Jahre gemacht, insgesamt war ich 19 Jahre in dem Konzern. Aber irgendwann wächst man aus Aufgaben heraus. Ich habe dann die Möglichkeit bekommen, eine Rolle von Anfang an zu gestalten, die es vorher nicht gab. Wir hatten festgestellt, dass unsere Kampagnen sehr stark aus der deutschen Zentrale heraus entwickelt und dann in die Länder zur Übersetzung geschickt wurden, was selten funktionierte. Wir haben uns viel mit dem Entwickeln von Unterlagen beschäftigt und aus dem Blick verloren, dass es am Ende darum geht, Kampagnen zu aktivieren und zum Kunden zu bringen. Die Budgets gingen in interne Arbeit und Agenturen, kaum in Mediaspendings und echte Aktivierung. Meine Aufgabe war, eine Brückenfunktion zwischen Zentrale und Ländern mit Leben zu füllen. Ich war viel in den Ländern unterwegs, habe Fragen gestellt und zugehört, und diese Erkenntnisse in die Kampagnenentwicklung zurückgetragen. So ist es uns zum ersten Mal gelungen, globale Kampagnen mit einer Passgenauigkeit von rund 80 Prozent zu entwickeln, mit deutlich mehr Synergien, effizienterem Budget und vor allem viel schneller.
Susanne: Wenn du die 19 Jahre zurückdrehen und einen ganz alternativen Lebensentwurf wählen könntest, wofür schlägt dein Herz sonst noch?
Anne Hunecke: Das kann ich einfach beantworten: irgendetwas mit Wolle. Wahrscheinlich hätte ich einen Wollladen, denn ich stricke, seit ich fünf, sechs Jahre alt bin, das ist total in meiner Familie. Vielleicht würde ich auch reisen und Geschichten über Frauen und Textilien erzählen, weil ich auf Reisen gemerkt habe, wie sehr Textilien und Stricken Teil von Kultur und regionaler DNA sind.
Susanne: So wie du sie erzählen würdest, würde ich davon gern mehr erfahren. Und vielleicht sind wir schon mittendrin in deiner Future Marketing Skill. Welche hast du mitgebracht?
Anne Hunecke: Meine Future Marketing Skill ist: die Marke des Unternehmens als Treiber für Unternehmenstransformation.
Susanne: Warum ist das deine Future Marketing Skill?
Anne Hunecke: Marketing ist facettenreich, es beginnt schon mit der Frage, wie wir Marketing definieren, klassische vier P oder Marketingkommunikation. Nach diesen 19, 20 Jahren ist das Thema Marke bei mir über die Zeit immer mehr gewachsen als eines der wesentlichen Themen. Aufmerksam geworden bin ich in einem Prozess über mehrere Jahre. 2020 bin ich Teil des neu gegründeten Branding-Teams geworden, in der Rolle Head of Brand Activation. Am Anfang war die Frage: Was ist unsere Mission und Vision, wie stellen wir uns auf? Wir haben Marktforschung gemacht und Kunden wie Mitarbeitende befragt. Faszinierend waren die Antworten der Mitarbeitenden: Obwohl wir in einem sehr technikgetriebenen B2B-Kontext sind, hat uns eine überwältigende Mehrheit zurückgespiegelt, dass die Marke ein extrem wichtiges Differenzierungsmerkmal ist, dass sie aber sehr wenig Information rund um die Marke haben, die sie gerne hätten. Das war für mich der Anstoß, mit meiner Rolle sehr stark nach innen in die Organisation zu fokussieren.

Susanne: Wie bist du vorgegangen? Wie hast du diese Skill gemeistert und implementiert?
Anne Hunecke: Am Anfang waren wir sehr klassisch mit Trainings unterwegs. Am Ende, und das war, als wir uns letztes Jahr getroffen haben, hatten wir eine gamifizierte digitale Engagement-Plattform. Dazwischen lag ein Weg. Wir sind mit einer Brand-Training-Initiative gestartet, weil die Mitarbeitenden mehr Informationen rund um die Marke wollten: wofür steht die Marke, wie ist sie aufgebaut. Parallel gab es Formate, um schnell in die Organisation zu wirken, Expert Talks und Screencasts zu banalen Dingen wie einer markenkonformen E-Mail-Signatur, kleine Dinge, mit denen alle sofort arbeiten konnten. Wir haben dann gemerkt, dass wir mit Trainings an Grenzen kommen, bei Zeit und Sprache. Also haben wir ein Brand-Ambassador-Programm aufgebaut, um mehr Markenbotschafterinnen und Markenbotschafter in der Organisation zu haben. Es ging dabei nicht um Corporate Influencing nach außen, sondern nach innen: auf Vertriebskonferenzen und beim Mittagessen über die Marke sprechen und ihre Inhalte in die Organisation tragen. Die bisher größte Ausbaustufe war das 75-jährige Jubiläum des Unternehmens. Wir haben eine Plattform entwickelt, eine Art Insel, die ein ganzes Jahr lang bespielt wurde, Monat für Monat mit einem neuen Thema aus der Marke heraus, Werte, Vision, Kompetenzen, und die Mitarbeitenden spielerisch auf eine Reise durch das Unternehmen und die Marke mitgenommen.
Susanne: In der Historie einer Organisation zu wühlen und Jubiläen zu suchen, wären das gute Ankerpunkte, um zu starten?
Anne Hunecke: Das macht Sinn, wir hatten ein sehr gutes Archiv und haben Dinge gefunden, die sich durch die 75-jährige Geschichte gezogen haben. Aber, und das ist mein Tipp: nicht nur in der Historie unterwegs sein. Wir haben heute konkrete Herausforderungen und Herausforderungen für die Zukunft. Es geht darum, Mitarbeitende heute und fürs Morgen zu begeistern. In die Historie zu gucken lohnt sich, aber man sollte das Hier und Jetzt und die Zukunft nicht aus den Augen verlieren.
Susanne: Was waren Herausforderungen oder Hürden in der Organisation? Erinnerst du dich an die kritischsten Fallstricke?
Anne Hunecke: Einige. Der erste Punkt: Wenn wir von Marke sprechen, besteht meist das Verständnis, Marke sei gleich Logo, Farben, das Visuelle, der Brandcode des Corporate Design. Wir waren die Ersten, die gesagt haben: Stopp, Marke ist so viel mehr. Wir hatten ein fantastisches Markenmodell, das aber irgendwo im Internet vor sich hinschlummerte und nicht mit Leben gefüllt war. Es ging darum, Definition und Klarheit reinzubringen: Was verstehen wir eigentlich unter den Begrifflichkeiten? Eine große Herausforderung war, dieses Verständnis in die Organisation und ins Management zu bringen. Und dann das Thema, dass man bei Markenarbeit nicht sofort einen Return on Investment zeigen kann. Markenarbeit ist kein Sprint und keine Kampagne, mit der man schnell Leads generiert und Erfolg misst. Marke bemisst sich in großen Abständen, in Jahren, vielleicht Jahrzehnten. In Zeiten gesamtwirtschaftlicher Herausforderungen, mit Reorganisationen, Transformationsprojekten und teils Entlassungen, für so ein Thema Gehör zu finden, das war eine große Herausforderung.
Susanne: Wie habt ihr das Management eingebunden, Gehör gefunden und die Ressourcen organisiert?
Anne Hunecke: Es hat gar nicht so viel Budget gebraucht, es war eher eine interne Kapazitätenfrage. Ich war extrem überzeugt, dass das der richtige Weg ist: Wir müssen überlegen, wie wir die Mitarbeitenden mitnehmen. Wir hatten das Potenzial, 20.000 Mitarbeitende zu Markenbotschafterinnen und Markenbotschaftern zu machen, die mit einer einheitlichen Sprache nach außen und zum Kunden sprechen. Es brauchte viele Argumentationen und zähe Diskussionen, aber ich habe einen Vertrauensvorschuss bekommen, Dinge einfach mal machen zu können. Der Vorteil in einer großen Organisation: Es gibt immer irgendwo eine Abteilung oder jemanden, der Lust hat, etwas auszuprobieren, mit dem man ein Best Practice bauen kann. Das ist ein Tipp: Sucht in der Organisation nach solchen Leuten, baut gemeinsam ein Best Practice und überzeugt damit andere. Und dann kam das 75-jährige Jubiläum, das wir bespielen mussten, und wir hatten einfach die beste Idee.
Susanne: Du sagtest, du wusstest, dass die Idee gut ist. Wie hat sich das angefühlt, und was waren die Signale, dass du auf dem richtigen Weg bist?
Anne Hunecke: Ich bin per se sehr chancenorientiert und gehe gern lange gegen Widerstände an, lasse mich nicht schnell vom Weg abbringen. Ich hatte in der Zeit eine fantastische Chefin, mit der ich mich intensiv ausgetauscht habe, viel Sparring. Ich bin auch ein großer Fan davon, früh mit Ideen rauszugehen und sie zu testen, auch wenn noch alles fluffig ist. Ich habe angefangen, mich viel in externen Netzwerken zu bewegen, Ideen aufzuschnappen und mich auszutauschen. Es war kein einzelner Auslöser, sondern viele kleine Puzzlestücke, die sich zu einem großen zusammengelegt haben.
Susanne: Was waren weitere Schlüsselressourcen, die es dir ermöglicht haben, die Puzzlestücke zusammenzusetzen?
Anne Hunecke: Als es darum ging, die Plattform zu entwickeln, dieses Computerspiel oder E-Learning, hatten wir schnell ein fantastisches Projektteam. Ich hatte die Idee in einem Jour fixe gepitcht, wer am Jubiläum mitarbeiten möchte, anfangs freiwillig. Es fand sich schnell eine Gruppe, über den langen Zeitraum von zwei, drei Jahren zwischen sieben und zehn Personen, die an ganz unterschiedlichen Themen gearbeitet haben: Content, aber auch Programmierung und technische Abläufe, von der Registrierung Teilnehmender bis zu den Sprachen. Wir hatten eine hohe intrinsische Motivation im Team und haben uns am Anfang bewusst Zeit genommen. Canvas ist ja dein Steckenpferd, wir haben uns ein Team Canvas genommen und viel interne Teamarbeit gemacht. Da steckt ein Tipp drin: in Projektteams am Anfang wirklich die Zeit nehmen, zu klären, was für jeden im Projekt steckt. Über zwei Jahre, auch in nicht immer einfachen Phasen, war es ein großartiges Hand-in-Hand-Zusammenarbeiten.
Susanne: Ist diese intrinsische Motivation etwas, das generell entfesselt wird, wenn man an der Marke arbeitet? Was ist der Impact, die Marke als Treiber zu stärken?
Anne Hunecke: Auf jeden Fall. In der Marke steckt wahnsinnig viel Power. Wenn wir auf die Herausforderungen in Unternehmen schauen: Vor ein paar Wochen kam die neueste Gallup-Studie mit erschreckenden Zahlen, nur rund 9 Prozent der Mitarbeitenden fühlen sich stark mit ihrem Unternehmen verbunden, über 80 Prozent haben nur eine geringe Bindung. Dazu Fachkräftemangel und ein grundsätzliches Innovationsdefizit in Deutschland. Auf diese Herausforderungen kann die Marke ein kraftvolles Instrument sein, um Themen zu bündeln und im Unternehmen zu kanalisieren. Die Marke wirkt Richtung Markt und Kunde, aber sie kann eben auch sehr stark nach innen wirken und Innen und Außen miteinander verbinden. Marke kann, und ich sage bewusst kann, sehr viel Identifikation und intrinsische Motivation zur Folge haben. Aber nur, wenn wir uns wirklich mit ihr auseinandersetzen und sie auch gelebt wird. Wenn ein tolles Markenmodell nur auf der Website oder im Intranet steht und keiner weiß, was drinsteht, vielleicht mit leeren Begriffen wie Nachhaltigkeit, Innovation, Qualität, die in sehr vielen Markenmodellen stehen, dann ist das wenig greifbar. Aber wenn man beginnt, die Marke für die Organisation greifbar zu machen, kommt man unweigerlich an sehr grundlegenden Fragen vorbei: Warum sind wir als Unternehmen hier? Warum machen wir die Dinge, die wir tun? Wer sind wir, wer wollen wir sein, wie machen wir die Dinge gemeinsam? In der Auseinandersetzung mit diesen Fragen passiert ganz viel, auch in Richtung guter, mitarbeiterzentrierter Führung.
Susanne: Erinnerst du dich an einen konkreten Moment, in dem du gespürt hast, diese Arbeit ist wertvoll und eine Future Skill?
Anne Hunecke: An vielen Punkten. Wir bekamen sehr positives Feedback aus der Organisation, vor allem von Personen, von denen wir es nicht erwartet hätten. Wir hatten im 75-Jahres-Projekt die Organisation in Personas zerlegt und eine kritische Persona identifiziert, langjährige Mitarbeitende in Deutschland. Da waren wir naiv und hatten Vorurteile, denn genau die stellten sich als die größten Fans heraus, mit ganz vielen dankbaren Nachrichten. Dann schrieben einzelne Abteilungen, ohne dass wir groß mit ihnen zusammengearbeitet hätten, plötzlich ihre komplette Kommunikation markenkonform um, zum Beispiel der Einkauf, von dem Lieferanten sagten, eure Kommunikation ist ganz anders. Und als produzierendes Unternehmen ist immer die Frage, wie man solche Themen nicht nur in die Büros, sondern auch in die Werke bringt. Wir bekamen Anfragen von Werken, die vor Ort noch tiefer in die Prozesse einsteigen wollten. Ich wurde auf Konferenzen und in andere Unternehmen eingeladen, um meine Erkenntnisse weiterzugeben. Wieder ganz viele Puzzlestücke, die auf einmal zusammenkamen.
Susanne: Gab es Vorbilder in der Branche, andere Brands, die euch inspiriert haben, oder Tools?
Anne Hunecke: Wir hatten gar nicht so viele Vorbilder. Wir haben uns mit vielen Marken-, Transformations- und Change-Experten ausgetauscht, es kam relativ viel aus uns selbst. Ich glaube, viele Unternehmen im B2B-Umfeld sind gerade an dieser Schwelle: Wir wollen die Marke stärken, haben Herausforderungen in den Märkten und bei den Mitarbeitenden, wie nehmen wir die mit? Da ist gerade viel Bewegung. Zwei Marken nenne ich aber gern. Die erste ist Siemens Healthineers, auch im B2B unterwegs. Ich bin in Nürnberg, habe da immer wieder Kontakt und finde es spannend, mit welcher Begeisterung Menschen von ihrem Unternehmen und ihrer Marke sprechen. Nicht umsonst räumt Siemens Healthineers bei Markenrankings, aber auch bei Arbeitgeberrankings immer wieder ab. Und eine ganz andere Marke, bei der es um Haltung geht, ist Patagonia. Es gibt ein fantastisches Buch von Yvon Chouinard, dem Gründer, es heißt Let My People Go Surfing. Da kann man sehr viel über Marke, Haltung und Zugehörigkeitsgefühl lesen.
Susanne: Jetzt zur Hausaufgabe für alle Marketer, die ab morgen starten wollen, ihre Marke greifbarer zu machen. Was wäre ein guter erster Schritt bei null?
Anne Hunecke: Ich habe drei Tipps mitgebracht, würde aber etwas Grundlegendes vorschalten. Wenn wir in die Marketingeinheiten und vor allem ins Management gehen, dann wäre mein erster Appell, die Mitarbeitenden als sehr wesentlichen Stakeholder zu sehen, für die Arbeit der Marke und für die Organisation, weil die Mitarbeitenden die wertvollste Ressource sind, die wir haben. Wer bringt die Innovation, wer geht die Extra-Meile, wer ist das Gesicht zum Kunden? Die Mitarbeitenden. Zu den konkreten Tipps: Tipp eins, es sollte ein Markenmodell geben. Wahrscheinlich habt ihr eins, wenn nicht, macht euch an die Übung. Da gehören sinnvollerweise ein Purpose, also Unternehmenssinn, eine Vision, Markenwerte, Stärken oder Alleinstellungsmerkmale und eine Experience hinein, das Gefühl, das man hinterlassen möchte. Tipp zwei: das Modell in konkrete Handlungsmaximen überführen. Was steht da für ein Wort drin, wie füllen wir es mit Leben? Woran spürt die Finanzabteilung, dass wir markenkonform sind, woran jemand, der an der Strecke im Werk arbeitet? So konkret wie möglich, damit sich jeder Einzelne wiederfindet. Tipp drei: findet Wege, die zu euch passen und die Marke in die Organisation tragen. Das können klassische Trainings sein. Ich greife einen Gedanken aus deinem Gespräch mit Ines Ulrich auf, wir haben uns von Mitarbeitenden Markengeschichten erzählen lassen, einfach gefragt, wann und wie sie das Thema Vertrauen leben, und die tollsten Geschichten kamen heraus, intern und extern genutzt. Marke ist ein Marathon, es dauert, bis ihr Ergebnisse seht. Und vielleicht steht am Ende ein Bonus-Ziel: dass die Marke nach und nach zu einem Entscheidungsradar für das ganze Unternehmen wird. Denn mit einem guten Markenmodell und einem guten Verständnis dafür kann man am Ende fast alles daraus ableiten.
Susanne: Wie geht es bei dir persönlich weiter, nachdem du diese Future Marketing Skill gemeistert hast?
Anne Hunecke: Das hat sich schon angedeutet, weil ich in der Vergangenheit gesprochen habe. Ich habe vor ein paar Wochen das Unternehmen verlassen und mache mich gerade selbstständig, eine spannende und lehrreiche Phase. Es wird um genau dieses Thema gehen, die Marke als Treiber für Unternehmenstransformation, weil ich felsenfest überzeugt bin, dass wir noch viele Hausaufgaben haben, Mitarbeitende besser zu sehen, einzubinden und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Die Marke ist dafür ein sehr gutes Mittel. Genau daran werde ich als Beraterin und Trainerin arbeiten.
Susanne: Eine schöne Parallele in unseren Biografien: viele Jahre on the job, ein tiefer Deep Dive, und dann dieses Erfahrungswissen nach außen zu tragen. Gibt es einen konkreten nächsten Schritt, für den wir diesen Podcast als kleinen Aufruf nutzen können?
Anne Hunecke: Ich freue mich, wenn wir mit diesem Gespräch Unternehmen dazu inspirieren, verstärkt mit der Marke zu arbeiten, vor allem nach innen. Und ich freue mich auf jedes Gespräch, das sich daraus ergibt. Wer den Gedanken hat, ich würde mich gern auf diesen Marathon begeben, weiß aber nicht recht wie, kontaktiert mich gern.
Susanne: Das letzte Wort gehört dir. Warum lohnt es sich, Zeit und Liebe in die Marke zu investieren, warum ist dieser Marathon jede Anstrengung wert?
Anne Hunecke: Ich ende gern mit einem Zitat. Marke ist ein starkes Instrument, aber im Kern geht es darum, die Mitarbeitenden zu begeistern und ihren Sense of Belonging zur Organisation zu stärken. Richard Branson hat einmal etwas Kluges gesagt: Clients don’t come first, employees come first. If you take care of your employees, they will take care of your clients. Da steckt eigentlich alles drin.
Susanne: Danke für dieses faszinierende Gespräch, Anne. Schön, dass du noch da bist. Mein persönlicher Aha-Moment aus dieser Folge ist dieser: Marke, Motivation und Innovation gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig. Ich glaube, Anne hat recht, dass die Marke ein Hebel für Innovationskraft ist. Denn niemand möchte Lebenszeit mit einer Arbeit verschwenden, die keine Freude bringt. Jeder sucht Werte, denen man sich verbunden fühlt, will Teil von etwas sein, Werkstolz empfinden und Sinn stiften. Dienst nach Vorschrift ist das Worst-Case-Szenario, wenn das nicht greift. Ein Hinweis ist besonders spannend: keine hohlen Begriffe verwenden. Werte wie Nachhaltigkeit, Innovation oder Qualität werden so häufig genutzt, dass es schwer wird, sich darüber abzugrenzen. Und der dritte Punkt: Die Marke kommt von innen. Von außen erschaffen, lebt sie nur auf dem Papier, sie kann nicht begeistern und nicht anziehen. Übrigens, ganz ohne Absprache mit Anne wird mir gerade bewusst, dass ich ein neues Canvas-Modell entwickelt habe, das ich am 10. September in Köln auf der Zukunft Personal vorstelle. Es zeigt, wie Product-Market-Fit und Talent-Market-Fit verbunden sind und wie man über die Schwarmintelligenz der Mitarbeitenden die Unternehmenskultur erfahrbar macht und in eine Marke überführt. Ich hoffe, mein Gespräch mit Anne hat dir Freude gemacht. Wenn ja, gib der Episode fünf Sterne, erzähl deinen Kollegen davon und teile deine Insights auf LinkedIn. Bis bald.
Markenführung als Treiber für Transformation: die Zusammenfassung der Episode
In dieser Folge von Future Marketing Skills spricht Susanne Trautmann mit der Markenstrategin Anne Hunecke, die zwanzig Jahre Marketing-Erfahrung und zuletzt die Rolle Head of Brand Activation mitbringt, über eine oft unterschätzte Future Marketing Skill: die Marke als Treiber für Unternehmenstransformation. Ihre Kernbotschaft: Marke ist weit mehr als ein Logo, sie wirkt von innen, und die wichtigste Zielgruppe der Markenarbeit sind die eigenen Mitarbeitenden. Wir fassen die wichtigsten Gedanken des Gesprächs hier zusammen.

Von der Siemens-PR zur globalen Markenverantwortung
Anne Hunecke ist über die PR bei Siemens ins Marketing gekommen und hat danach 19 Jahre in einem industriellen Hidden Champion mit 20.000 Mitarbeitenden gearbeitet, erst im Produktmanagement mit den klassischen vier P nach Philip Kotler, dann in der Marketingkommunikation. Eine prägende Station war eine selbst gestaltete Brückenfunktion zwischen der deutschen Zentrale und den Ländern: Durch Zuhören und Fragenstellen gelang es erstmals, globale Kampagnen mit rund 80 Prozent Passgenauigkeit zu entwickeln, schneller und mit deutlich mehr Synergien.
Die Future Skill: die Marke als Treiber für Transformation
2020 wurde Hunecke Teil eines neu gegründeten Branding-Teams. Eine Marktforschung brachte den entscheidenden Impuls: Obwohl das Unternehmen sehr technikgetrieben ist, spiegelte eine überwältigende Mehrheit der Mitarbeitenden, dass die Marke ein extrem wichtiges Differenzierungsmerkmal ist, sie aber viel zu wenig darüber wissen. Marke wirkt nicht nur nach außen, sondern sehr stark nach innen, wurde zu ihrer Leitidee, mit einem klaren Fokus nach innen in die Organisation.
Marke wirkt von innen: Mitarbeitende als wichtigster Touchpoint
Der Kern ihrer These: Wer bringt die Innovation, wer geht die Extra-Meile, wer ist das Gesicht zum Kunden? Die Mitarbeitenden. Deshalb sind sie der wichtigste Marken-Touchpoint und ein wesentlicher Stakeholder der Markenarbeit. Hunecke untermauert das mit dem Zusammenhang von Bindung und Leistung. (Ergänzung der Redaktion: Der Gallup Engagement Index Deutschland 2024 zeigt einen historischen Tiefstand: nur rund 9 Prozent der Beschäftigten sind emotional hoch gebunden, während ein Großteil nur noch Dienst nach Vorschrift leistet.) Genau hier kann die Marke ein kraftvoller Hebel sein, um Identifikation und Motivation zu stärken.
Vom Training zur gamifizierten Engagement-Plattform
Der Weg dahin verlief in Stufen: von klassischen Brand-Trainings und schnellen Formaten wie Expert Talks und Screencasts über ein Brand-Ambassador-Programm, das die Markeninhalte nach innen trägt, bis zur größten Ausbaustufe rund um das 75-jährige Jubiläum. Dafür entstand eine gamifizierte Plattform, die ein Jahr lang Monat für Monat ein neues Markenthema freischaltete und die Mitarbeitenden spielerisch auf eine Reise durch Werte, Vision und Kompetenzen der Marke mitnahm.
Herausforderungen: Marke ist mehr als ein Logo
Zwei Hürden nennt Hunecke besonders. Erstens das verbreitete Verständnis, Marke sei gleich Logo, Farben und Corporate Design. Ein gutes Markenmodell existierte zwar, schlummerte aber ungenutzt im Intranet. Es brauchte Definition und Klarheit, was die Begriffe eigentlich bedeuten. Zweitens der fehlende schnelle Return on Investment: Markenarbeit ist kein Sprint, sondern misst sich in Jahren, und gerade in Zeiten von Reorganisationen und Sparzwang ist es schwer, dafür Gehör zu finden.
Vertrauen, Ressourcen und Verbündete
Statt großer Budgets brauchte es interne Kapazität, Überzeugung und einen Vertrauensvorschuss. Ein wirksamer Hebel in großen Organisationen: Es gibt immer eine Abteilung oder Person mit Lust, etwas auszuprobieren. Mit ihr baut man ein Best Practice und überzeugt damit andere. Wichtig waren außerdem eine unterstützende Chefin, viel Sparring, der Mut, früh mit noch unfertigen Ideen rauszugehen, und der Austausch in externen Netzwerken.
Der Impact: wenn die Marke lebendig wird
Der Erfolg zeigte sich an vielen Punkten. Eine als kritisch eingeschätzte Persona, langjährige Mitarbeitende, entpuppte sich als größte Fangruppe. Abteilungen wie der Einkauf schrieben ihre Kommunikation von selbst markenkonform um, Werke fragten nach tieferer Einbindung, und Hunecke wurde eingeladen, ihre Erfahrungen in anderen Unternehmen zu teilen. Die Marke hatte begonnen, sich zu verselbstständigen und lebendig zu werden.
Vorbilder: Siemens Healthineers und Patagonia
Als Vorbilder nennt Hunecke zwei Marken. Siemens Healthineers, ebenfalls im B2B, überzeugt sie durch die Begeisterung, mit der Menschen dort von ihrer Marke sprechen, was sich in Marken- und Arbeitgeberrankings widerspiegelt. Und Patagonia steht für Marke als Haltung. Sie empfiehlt das Buch Let My People Go Surfing von Gründer Yvon Chouinard, das ursprünglich als Handbuch für die eigenen Mitarbeitenden gedacht war.
Annes Hausaufgabe: Markenmodell, Handlungsmaximen, Wege
Vorangestellt ist ein Grundsatz: Mitarbeitende als wesentlichen Stakeholder und wertvollste Ressource sehen. Darauf folgen drei Tipps. Erstens: ein Markenmodell haben, mit Purpose, Vision, Markenwerten, Stärken und einer Experience. Zweitens: das Modell in konkrete Handlungsmaximen überführen, sodass jede Rolle, von der Finanzabteilung bis zur Fertigung, spürt, was markenkonformes Handeln heißt. Drittens: passende Wege finden, die Marke in die Organisation zu tragen, etwa indem man sich von Mitarbeitenden Markengeschichten erzählen lässt. Das langfristige Ziel: Die Marke wird zum Entscheidungsradar für das ganze Unternehmen.
Ausblick: Marke, Motivation und Innovation gehören zusammen
Hunecke hat den Konzern verlassen und macht sich als Beraterin und Trainerin selbstständig, genau mit dem Thema Marke als Treiber für Transformation. Susannes Fazit schließt daran an: Marke, Motivation und Innovation bedingen sich gegenseitig. Zwei Warnungen bleiben hängen: keine hohlen Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Qualität, die austauschbar geworden sind, und die Erkenntnis, dass die Marke von innen kommt, denn von außen erschaffen lebt sie nur auf dem Papier.

Wichtige Fragen und Tipps rund um Markenführung
Was ist Markenführung?
Markenführung, auch Brand Management, umfasst alle Maßnahmen, um eine Marke strategisch aufzubauen, zu steuern und langfristig erfolgreich zu positionieren. Dazu gehören die Markenidentität, also wofür die Marke steht, die Positionierung im Wettbewerb, das Markenerlebnis über alle Kontaktpunkte und das Markenimage, also die tatsächliche Wahrnehmung. Ziel ist eine emotionale Verbindung und ein unverwechselbares Profil. In dieser Folge liegt der Fokus auf einer oft vernachlässigten Seite der Markenführung: der internen.
Was ist interne Markenführung, und warum ist sie wichtig?
Interne Markenführung, auch Internal Branding, bedeutet, die Marke innerhalb der Organisation erlebbar zu machen, sodass Mitarbeitende sie verstehen, mittragen und nach außen leben. Sie ist wichtig, weil die Mitarbeitenden der wichtigste Marken-Touchpoint sind: Sie bringen die Innovation und sind das Gesicht zum Kunden. Ohne internes Markenverständnis bleibt die Außenkommunikation unglaubwürdig. Gerade angesichts schwacher Mitarbeiterbindung kann eine gelebte Marke Identifikation und Motivation stärken. Mehr dazu im Abschnitt zur Marke, die von innen wirkt.
Wie mache ich die Marke für Mitarbeitende greifbar?
Der erste Schritt ist, Klarheit in die Begriffe zu bringen: Was bedeutet das Markenmodell konkret? Danach hilft es, das Modell in Handlungsmaximen zu übersetzen, sodass jede Rolle spürt, was markenkonformes Handeln im eigenen Alltag heißt. Und schließlich braucht es passende Formate, die die Marke in die Organisation tragen: Trainings, Expert Talks, ein Brand-Ambassador-Programm oder das Sammeln echter Markengeschichten von Mitarbeitenden. Konkrete Ansatzpunkte findest du im Abschnitt zur Engagement-Plattform und in Annes Hausaufgabe.
Was gehört in ein Markenmodell?
Ein tragfähiges Markenmodell enthält typischerweise einen Purpose, also den Unternehmenssinn, eine Vision, die Markenwerte, die Stärken oder Alleinstellungsmerkmale und eine Experience, das Gefühl, das ein Kontakt mit dem Unternehmen hinterlassen soll. Wichtig ist, echte, unterscheidbare Inhalte zu wählen: Austauschbare Werte wie Nachhaltigkeit, Innovation oder Qualität stehen in fast jedem Modell und taugen allein nicht zur Abgrenzung. Erst wenn das Modell mit Leben gefüllt und in Handlungen übersetzt wird, entfaltet es Wirkung.
Warum ist die Marke ein Treiber für Transformation und Innovation?
Weil sie das stärkste Instrument ist, um Innen und Außen zu verbinden. Nach außen wirkt die Marke auf Markt und Kunde, nach innen kann sie Identifikation, Zugehörigkeit und Motivation stiften und so die Kräfte für Veränderung bündeln. Wenn Menschen sich mit den Werten eines Unternehmens verbunden fühlen, entstehen Werkstolz und Sinn, und daraus wiederum die Energie für Innovation. So werden Marke, Motivation und Innovation zu einem sich gegenseitig verstärkenden Dreiklang, der Transformation überhaupt erst möglich macht.