Future Marketing Skills, Episode 14. Lieber woanders hören? Die Folge gibt es neben Spotify Spotify auch auf Apple Podcasts.
Führung im Marketing: wenn Fachexperten plötzlich Führungskräfte werden
Wer im Marketing gut ist, bekommt anspruchsvollere Projekte, und irgendwann die Beförderung. Eben noch Fachexpertin, plötzlich verantwortlich für andere Menschen. Aber wie führt man ein Marketingteam? In Episode 14 von Future Marketing Skills spricht Susanne Trautmann mit Dr. Steffen Spieß, Marketingleiter der LEG Thüringen, der nach eigener Aussage eher zufällig in seine Führungsrolle hineingestolpert ist, und offen über seine Bauchlandung und seine wichtigsten Lernerfahrungen berichtet.
Die Folge ist ein ehrliches Plädoyer dafür, Führung im Marketing bewusst zu lernen, statt sie nebenbei laufen zu lassen, und zeigt, wie aus einem Fachexperten eine wirksame Führungskraft wird.

Vom Fachexperten zur Führungskraft: die Bauchlandung
Steffen Spieß kam als klassischer Fachexperte von der Universität und ist in die Führungsrolle hineingestolpert. Anfangs lief im kleinen Team alles wie von selbst. Doch als das Team wuchs, lief es plötzlich nicht mehr rund. Der Moment, in dem sich zeigte, dass gute Arbeit allein nicht reicht, wurde zum Ausgangspunkt seiner bewussten Führungsreise.
Führung ist kein Feel-Good-Management
Moderne Führung wird oft überfrachtet: Auf LinkedIn müsse man Therapeut, Mediator und Sinnstifter zugleich sein. Steffen Spieß erlebt das anders. Sein Team hat eine hohe Grundmotivation über alle Generationen hinweg. Die Aufgabe der Führungskraft ist vor allem, diese Grundmotivation zu schützen, nicht morgens Füße zu massieren.
Der Denkfehler: Selbstorganisation ist nicht Laissez-faire
Sein zentraler Fehler: Er verwechselte Selbstorganisation mit Laissez-faire. Kreative Marketingleute wollen Verantwortung und Selbstwirksamkeit, das stimmt, aber ohne Rahmen fehlt das Fundament. Erst die Selbstreflexion brachte ihm diese Erkenntnis.
Das Haus ohne Fundament
Seine Metapher: Er hatte ein gutes Haus gebaut, aber ohne Fundament. Beim ersten Sturm zeigten sich Risse in allen Wänden. Statt aufs schlechte Wetter zu schimpfen, zog er nachträglich ein Fundament ein und machte die Struktur wetterfest.
Führung beginnt bei dir selbst
Authentische Führung setzt Selbstreflexion voraus: Wer bist du, was ist dir wichtig, was sind deine Werte? Erst wenn man sich selbst kennt, kann man daraus einen eigenen Führungsstil modellieren.
Systemische Führung und Humble Leadership
Als theoretisches Fundament fand Steffen Spieß die systemische Organisationsberatung (er empfiehlt ein praxisnahes Buch von Eckard König) und Humble Leadership, eine beziehungsorientierte, demütige Führung, die auf Offenheit und Vertrauen statt auf Status setzt. Das Unternehmen und das Team als soziales System zu begreifen, half ihm, die Mitarbeitenden ihre Lösungen selbst finden zu lassen.
Die Teamwerkstatt: Vertrauen strukturell aufbauen
Gemeinsam mit dem Team führte er Teamwerkstätten ein: einen Tag lang Stärken, Schwächen, Herausforderungen und ein Idealbild der Zusammenarbeit erarbeiten, im Kern eine Gap-Analyse. Dieses Format wird immer wieder aufgenommen, um sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Die 1-bis-10-Frage im Mitarbeitergespräch
Sein wirksamstes Werkzeug ist ein nicht anlassbezogenes Mitarbeitergespräch, das er mit einer Standardfrage eröffnet: Wie beurteilst du deine derzeitige Arbeitssituation auf einer Skala von 1 bis 10? Sagt jemand nicht 10, folgt die entscheidende Frage: Was müsste passieren, damit wir Richtung 10 kommen? So kommt man schnell zum Kern.
Führung macht einsam und wirksam
Eine ehrliche Erkenntnis: Führung macht ein Stück weit einsam, man gehört nicht mehr ganz dazu und erfährt nicht alles. Das ist strukturell angelegt. Zugleich bekommt man viel zurück, etwa wenn das eigene Team einen in einem schwachen Moment wieder aufs Gleis stellt.
Qualifizierung aktiv einfordern
Gerade wenn Fachexperten zu Führungskräften werden, braucht es Entlastung und Qualifizierung. Führung nebenbei, mit vollem Projekttisch, geht schief. Steffen Spieß rät, die eigene Führungsqualifizierung aktiv einzufordern, denn im Marketing kann man leicht zeigen, dass das eine Win-win-Situation fürs ganze Unternehmen ist.
Führung ist nie fertig
Um bei der Hausmetapher zu bleiben: Auch ein gutes Haus muss man renovieren und die Fugen prüfen. Führung ist eine Aufgabe, die einen dauerhaft begleitet. Die Reise ist nie zu Ende, und mit etwas Glück hat man ein Team, das einen anstößt, wenn man vom Weg abkommt.

Häufige Fragen zu Führung im Marketing
Wie wird man vom Fachexperten zur Führungskraft?
Der Übergang gelingt selten von allein. Entscheidend sind bewusste Selbstreflexion, ein eigener Führungsstil, klare Strukturen statt Laissez-faire und aktiv eingeforderte Qualifizierung. Steffen Spieß beschreibt, wie er nach einer anfänglichen Bauchlandung ein tragfähiges Fundament für seine Führung aufgebaut hat.
Was ist der häufigste Denkfehler neuer Führungskräfte?
Selbstorganisation mit Laissez-faire zu verwechseln. Kreative Teams wollen Verantwortung, brauchen aber trotzdem einen klaren Rahmen. Ohne dieses Fundament zeigen sich beim ersten Konflikt Risse.
Was ist Humble Leadership und systemische Führung?
Humble Leadership ist eine beziehungsorientierte, demütige Führung, die auf Offenheit und Vertrauen statt auf Status setzt und Fehler einräumt. Systemische Führung begreift Team und Unternehmen als soziales System mit Regeln und Regelkreisen und unterstützt Mitarbeitende dabei, Lösungen selbst zu finden.
Wie funktioniert die 1-bis-10-Frage im Mitarbeitergespräch?
Man fragt zu Beginn: Wie beurteilst du deine Arbeitssituation auf einer Skala von 1 bis 10? Jede Antwort unter 10 öffnet das Gespräch mit der Anschlussfrage, was sich verbessern müsste, um Richtung 10 zu kommen. So werden Bedürfnisse und Missverständnisse schnell sichtbar.
Warum macht Führung einsam?
Weil die Führungskraft strukturell ein Stück weit vom Team abgesetzt ist, nicht alles erfährt und nicht mehr ganz dazugehört. Das gehört zur Rolle. Gute Beziehungen und gemeinsame Erfolge gleichen das aus und machen Führung bereichernd.