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Agiles Marketing scheitert selten an der Methode und meistens am Mindset. Genau diese Lücke füllt die Impro-Strategie, die Sabine Hauss in Episode 18 von Future Marketing Skills vorstellt. Sie ist Team Lead Marketing Campaigns und Live Communication bei der JUMO GmbH & Co. KG in Fulda, einem Hersteller industrieller Sensor- und Automatisierungstechnik mit über 2.500 Mitarbeitenden, und leitet nebenberuflich unter der Marke Inspire & Enable eine eigene Beratung. Privat hat sie in Fulda eine Improvisationstheater-Gruppe gegründet. Ihre Verbindung beider Welten in einem Satz: „Impro allein reicht nicht, und Strategie allein reicht auch nicht.“

Impro-Strategie als Future Marketing Skill: die Kernaussagen der Episode

Die wichtigsten Punkte des Gesprächs in Kürze: Improvisationstheater ist nach Sabine Hauss VUCA in Reinform, weil Ort und Startemotionen vom Publikum kommen, keine Absprache möglich ist und derjenige den Rahmen setzt, der zuerst etwas sichtbar etabliert. Improvisation ist dabei ausdrücklich nicht hingeschludert, sondern gilt wie im Jazz als Königsklasse, weil man nur die eigenen Skills und die Kollegen hat, ohne Stück, Autor und Regisseur.

Unter dem Improvisieren liegt eine strategische Basis: Proben, Schauspielskills und tatsächlich auch Zielgruppen- und Positionierungsarbeit, denn für ein Publikum, das noch nie Impro gesehen hat, spielt die Gruppe anderes als für erfahrene Zuschauer. Aus dem Impro-Mindset hat sie acht Kriterien herausgearbeitet, zwei davon nennt sie in der Episode: Annehmen nach dem Yes-and-Prinzip und Fehlerkultur, die im Training so weit geht, dass Fehler gefeiert werden. Der entscheidende Punkt für Marketer ist, dass die Kombination aus Mindset und Strategie ein Management-Buy-in braucht. Wer nur improvisiert, bekommt irgendwann die Rückfrage, warum es nicht in 120 Prozent perfekt mit zehn Abstimmungsschleifen vorliegt. Und Impro ist kein Allheilmittel: In der Buchhaltung oder in der Chirurgie hat es nach ihren Worten nichts zu suchen, im Marketing dagegen sehr wohl.

Susanne Trautmann und Sabine Hauss im Gespräch über die Impro-Strategie für Episode 18 des Podcasts Future Marketing Skills
Sabine Hauss (rechts) besitzt besondere Leidenschaften: Sie hat nicht nur eine Impro-Theatergruppe gegründet, sondern ist auch als freie Traurednerin und Krimi-Dinner-Entwicklerin erfolgreich!

Warum Improvisationstheater und agiles Marketing dasselbe Problem lösen

Sabine Hauss beginnt mit dem Begriff, den fast alle Marketer kennen und selten praktisch nutzen: die VUCA-Welt, also ein Umfeld, das volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig ist. Das Akronym stammt ursprünglich aus einer Denkfigur von Warren Bennis und Burt Nanus aus dem Jahr 1985 und wurde anschließend am US Army War College geprägt (Präzisierung der Redaktion). Ihr Punkt ist, dass Improvisationstheater dieses Umfeld nicht simuliert, sondern buchstäblich ist.

Wie das aussieht, beschreibt sie an einem konkreten Ablauf. Die Gruppe steht auf der Bühne und weiß nicht, was passiert. Den Ort für die Szene holt sie sich vom Publikum, etwa einen Rummelplatz, dazu Startemotionen für jeden Spieler, einer ist traurig, der andere verliebt. Eine Absprache vorher gibt es nicht. Wenn einer die Idee hat, ein Riesenrad zu spielen, und der nächste, Zuckerwatte zu essen, dann gilt, was zuerst sichtbar etabliert wurde, und der andere muss seine Idee wegwerfen und damit arbeiten. Zwischendurch kommen neue Emotionen aus dem Publikum, der Verliebte hat jetzt Angst, und die Gruppe muss einen Grund dafür finden. Es entsteht ein ständiges Weiterentwickeln miteinander und mit dem Publikum.

Die Übertragung auf das Marketing liegt für sie auf der Hand: Man macht sich einen Marketing-Jahresplan, und dann kommt eine Pandemie. In solchen Momenten tut sich mit einem Impro-Mindset leichter, wer sagen kann, wir werfen das jetzt weg und machen stattdessen das. Der Nutzen, den sie benennt, ist doppelt: Man wird agil, und die Kreativität steigt, weil man den Kopf frei lässt, Ideen zulässt und sich von anderen inspirieren lässt.

Improvisation ist nicht hingeschludert, sondern die Königsklasse

Susanne Trautmann benennt den Widerspruch, der im Begriff steckt: Improvisation heißt Chaos und Unvorhersehbarkeit, Strategie heißt Planung. Wie soll das zusammenpassen? Sabine Hauss räumt ein, dass sie solche Denkanstöße mag, und löst den Widerspruch über den Sprachgebrauch auf. Improvisation werde landläufig mit hingeschludert gleichgesetzt, und das sei nicht Improvisation. Ihr Vergleich ist der Jazz, in dem Improvisation als Königsklasse gilt. Und viele sagten auch, Impro sei die Königsklasse des Schauspiels, weil man kein fertiges Stück, keinen Autor und keinen Regisseur hat, sondern nur sich, die Kollegen und die eigenen Skills.

Genau deshalb braucht es darunter eine Strategie, und die gibt es im Impro tatsächlich. In den Proben trainiert die Gruppe Schauspielskills: wie erzähle ich eine Geschichte, wie drücke ich etwas aus, wie baue ich einen Raum auf der Bühne auf. Dazu kommt etwas, das Marketer wiedererkennen werden: Die Gruppe macht Zielgruppen- und Positionierungsarbeit. Für ein Publikum, das noch nie Impro-Theater gesehen hat, spielt sie kürzere, lustige Formate. Für ein Publikum, das seit zehn Jahren Improgruppen sieht, sind Langform-Stücke möglich, die anspruchsvoller, aber nicht immer so lustig sind.

„Dieses Mindset macht unheimlich was mit einem, auch abseits vom Businessleben. Man bekommt einen anderen Blick auf die Welt, weil man dieses Annehmende eher wieder lebt.“

Annehmen: das Yes-and-Prinzip im Marketing-Meeting

Von den acht Mindset-Kriterien, die Sabine Hauss herausgearbeitet hat, ist das erste dasjenige, das viele schon einmal gehört haben. Im Englischen heißt es Yes, and. Man geht auf die Bühne, fängt an und nimmt die Idee des anderen an. Auf der Bühne ist die Alternative offensichtlich schlecht: Wenn einer Riesenrad spielt und der andere darauf besteht, Zuckerwatte zu haben, streiten beide nur, und das will niemand sehen.

Im Meeting sieht dieselbe Situation harmloser aus und ist genauso wirkungslos. Man hat eine Idee, und der andere sagt, das geht nicht, haben wir schon immer anders gemacht. Annehmen heißt zuerst ja zu sagen und dann zu fragen, wie man es weiterspinnt. Daraus entstehen nach ihrer Erfahrung sehr gute Sachen, weil Marketing und Kreativität ohnehin viel mit Annehmen und Weiterentwickeln zu tun haben.

Mit der 'Ja, und' Methode arbeitet auch David Cooperrider: Das sog. A.I. Modell (A.I. steht hier für 'appreciative enquiry', auf Deutsch: wertschätzende Erkundung) entlarvt vier unterschiedliche Diskussionstypen anhand ihrer Reaktionen.
Mit der ‚Ja, und‘ Methode arbeitet auch David Cooperrider: Das sog. A.I. Modell (A.I. steht hier für ‚appreciative enquiry‘, auf Deutsch: wertschätzende Erkundung) entlarvt vier unterschiedliche Diskussionstypen anhand ihrer Reaktionen.

Susanne Trautmann verbindet das mit dem Silodenken, bei dem jeder auf den eigenen Pfad fokussiert und relativ unoffen für andere Einflüsse ist. Sabine Hauss beschreibt die Wirkung über den Beruf hinaus: Der heute verbreitete Reflex sei, sich voneinander abzugrenzen und alles andere doof zu finden. Das Annehmende kostet dagegen keine Kraft, sondern gibt Kraft, weil man sich die ständige Abgrenzung erspart. Oft entstehe aus zwei Ideen eine Kombination, die besser ist als jede einzelne. Wie man aus dieser Haltung heraus systematisch Mitstreiter im Unternehmen findet, zeigt die Episode 13 über systemisches Denken mit Prof. Dr. Carolin Durst, auf die Sabine Hauss in der Episode selbst verweist.

Fehlerkultur: warum im Impro-Training Fehler gefeiert werden

Das zweite Kriterium, das sie ausführt, ist die Fehlerkultur, und hier ist der Unterschied zum Business am größten. Was einen bremst, ist der Satz, ich traue mich nicht auszuprobieren, weil ich keine Fehler machen darf. Im Impro wäre das fatal, weil man den Mut haben muss, hineinzugehen, Dinge zu machen und darauf zu vertrauen, dass die anderen mitmachen und unterstützen.

Wie das trainiert wird, ist konkret: Es gibt Warm-up-Spiele, die absichtlich immer schneller werden, bis man sie gar nicht mehr schaffen kann. Wenn dann jemand einen Fehler macht, heißt es noch einmal. Dadurch baut sich die Hemmschwelle ab. Für den Business-Kontext relativiert sie selbst: Fehler zu feiern sei dort vielleicht ein bisschen zu viel, aber eine Fehlerkultur aufzubauen, damit sich Leute trauen, etwas auszuprobieren, hält sie für unheimlich wertvoll.

Ihre eigene Erfahrung damit stammt aus der Live-Kommunikation. Bei Messen und Events bereitet man alles Mögliche vor, hat also die strategische Basis, und dann ist man vor Ort und irgendwas ist immer. Genau das hat ihr immer Spaß gemacht, weil man dann wirklich im Moment ist, alle Skills zieht und eine Lösung findet. Und weil dort niemand ein perfektes Konzept mit drei Tagen Abstimmung verlangt, wenn die Messe morgen startet, hat man diesen Freiraum. Corona war für sie die Phase, in der viel Impro-Energie freigesetzt wurde, weil niemand mehr wusste, wo es langgeht und Probieren erwünscht war. Bei JUMO entstanden damals sehr schnell Online-Events mit hohem Anspruch, und das Team konnte sich damit gut positionieren.

Der Rückschlag: warum die Freiheiten wieder schrumpfen

Auf die Frage, ob sie wahrnimmt, dass diese Offenheit zurückgeht, antwortet sie mit einem klaren Ja. Ihre Erklärung ist zweiteilig. Zum einen kommt Begrenzung von außen: viele gesetzliche Vorgaben, Audits, Zertifikate, insgesamt mehr Reglementierung. Zum anderen ist es ein kulturelles Muster, das sie mit einem Satz zusammenfasst, den sie auf Deutschland insgesamt bezieht: mal wieder den Mut zu haben, Dinge auszuprobieren und nicht erst 50.000 Failsafes einzubauen, bevor man auch nur den ersten Schritt tut, weil man den ersten Schritt dann nie tut.

Für sie war diese Beobachtung mit ein Grund, sich nebenberuflich selbstständig zu machen. Wer Freiheiten hat, kann die Flügel ausstrecken, und das möchte sie anderen ermöglichen. Denselben Befund, aus der Perspektive einer Kommunikationsverantwortlichen mit 30 Jahren internationaler Erfahrung, behandelt die Episode 23 über Umsetzungsgeschwindigkeit mit Sabine Klisch, in der es ebenfalls darum geht, lieber mit einer Lücke live zu gehen als perfekt zu spät.

Ohne Management-Buy-in funktioniert die Impro-Strategie nicht

Dies ist der Punkt, an dem sich die Impro-Strategie von den vielen Impro-Workshops unterscheidet, die es schon gibt. Angewandte Improvisation, im Englischen Applied Improvisation, ist ein etabliertes Feld mit einem eigenen internationalen Netzwerk (Präzisierung der Redaktion). Sabine Hauss betont ausdrücklich, dass sie nicht neu erfunden hat, dass sich Impro-Ansätze für das Business nutzen lassen. Dort lernt man das Mindset in Team-Events, die meisten sind begeistert und wollen es umsetzen, und dann stoßen sie auf den Chef, der es gern in 120 Prozent perfekt hätte. Und dann war es das wieder.

Genau diese Verknüpfung mit einer Strategie liegt ihr am Herzen. Ihr Bild dafür kommt von der Bühne: Wenn das Publikum denkt, heute Abend gibt es Faust 1 und 2, kann die Gruppe sich anstrengen wie sie will, es wird nicht gut ankommen, weil die Erwartungshaltung eine andere ist. Das Publikum muss wissen, dass jetzt Impro passiert. Übertragen heißt das: Nicht nur das Management, sondern auch die umliegenden Bereiche müssen verstehen, dass dieses Vorgehen gewollt ist. Sonst heißt es, das ist jetzt Marketing, die haben wieder irgendeine verrückte Idee. Auf die Frage, ob die Impro-Strategie also ein Graswurzelthema sein kann, antwortet sie mit Nein: Man braucht die Rückendeckung.

Sie zieht auch die Grenze, wo Impro nicht hingehört. In der Buchhaltung braucht es keine Impro-Strategie, dort muss es stimmen und fehlerfrei sein. Bei einem Chirurgen möchte sie ebenfalls keine Impro-Strategie. Im Marketing dagegen macht es aus ihrer Sicht viel Sinn, weil Kreativität und VUCA dort besonders hineinspielen. Die entscheidende Vorfrage lautet deshalb, wie relevant VUCA im eigenen Bereich wirklich ist.

Das Impro Canvas: Bestandsaufnahme statt Workshop-Effekt

Ein Best-Practice-Beispiel für eine erfolgreich eingeführte Impro-Strategie kann Sabine Hauss noch nicht liefern, und sie sagt das offen. Was sie stattdessen entwickelt hat, ist ein Werkzeug für den Einstieg: ein Impro-Canvas mit Leitfragen, inspiriert vom Marketing Canvas der Hostin, weil sie Canvas-Modelle erst über Susanne kennengelernt hat.

Mit dem IMPRO-Canvas von Sabine Hauss erarbeitest du dir deine eigene IMPRO-Strategie für agiles Marketing!
Mit dem IMPRO-Canvas von Sabine Hauss erarbeitest du dir deine eigene IMPRO-Strategie für agiles Marketing.

Der Zweck ist eine Bestandsaufnahme in drei Richtungen. Erstens die Mindset-Faktoren: Wo ist das Team schon gut aufgestellt? Vielleicht funktioniert die Fehlerkultur und das Annehmen, aber es gibt ein Kommunikations- oder ein Vertrauensthema. Zweitens die strategischen Faktoren: Ist die Positionierung geklärt, sind die Ziele definiert, kennen wir unsere Zielgruppen, welche Ressourcen und Stärken haben wir eigentlich? Ihr Beispiel dafür ist bissig genau: Alle wollen KI machen, aber eigentlich gibt es niemanden, der sich wirklich damit beschäftigt und auskennt. Oder man bräuchte agile Software, hat aber nur Excel. Drittens, und das nennt sie das Wichtigste, die Frage nach der Relevanz von VUCA im eigenen Bereich, denn wo VUCA keine Rolle spielt, wird jede Geschäftsführung irgendwann fragen, warum improvisiert wird.

Aus dieser Bestandsaufnahme wird dann die eigentliche Strategie: Wo ergreifen wir Maßnahmen, wo haben wir wirklich einen Pain, wo wollen wir hin, und wie lässt sich am Schluss messen, ob es erfolgreich war. Das Canvas kann man laut Sabine Hauss allein durchgehen und für sich oder als Selbstständige nutzen. Sobald mehrere Bereiche oder Teams beteiligt sind, hilft jemand, der weiß, was mit den Impro-Kriterien gemeint ist, weil dahinter oft mehr steckt als die kurze Beschreibung. Ein häufiges Muster nennt sie dabei: Teams, die gut in Kommunikation sind, aber ein Vertrauensthema haben, weil ihnen das Vertrauen von außen fehlt. Genau das kennen Marketer.

Authentizität als Nebeneffekt und Gegengewicht zu KI-Content

Ein Aspekt, den Sabine Hauss erst am Ende einbringt, verbindet die Impro-Strategie mit einem aktuellen Marketingthema. Authentizität wird gerade immer wichtiger, gerade weil perfektionistische KI-Inhalte an Beliebtheit verlieren und man auf Social Media stärker in diese Richtung geht.

Ihr Argument ist, dass Impro Authentizität zwangsläufig übt. Wenn man im Flow ist und auf die anderen reagiert, kann man sich nicht zusätzlich verstellen. Man kommt in eine Stresssituation und ist dann so, wie man ist, merkt aber auch, dass das in Ordnung ist und von den anderen angenommen wird. Daraus entwickelt sich Vertrauen darauf, man selbst sein zu können. Sie nennt das selbst ein Stück Persönlichkeitsentwicklung. Warum Authentizität in der KI-Content-Flut zum eigentlichen Unterscheidungsmerkmal wird, ist Thema der Episode 22 über B2B-Leadgenerierung trotz KI-Content-Flut mit Florian Marte.

Wie es weitergeht: Fachartikel, Fachbuch und Keynote

Susanne Trautmann verweist im Gespräch auf den Future of Jobs Report des World Economic Forum, und dieser Verweis hält der Prüfung stand: In der Ausgabe 2025 steht die Kombination aus Resilienz, Flexibilität und Agilität tatsächlich auf Platz 2 der wichtigsten Kernkompetenzen, direkt hinter analytischem Denken mit rund 70 Prozent; kreatives Denken folgt auf Platz 4 (Präzisierung der Redaktion, Quelle: World Economic Forum). Genau diese Agilität lässt sich nach Sabine Hauss mit dem Impro-Mindset befeuern, sofern sie mit einer Strategie verknüpft wird.

Für die nächsten Monate hat sie sich vorgenommen, das Thema zugänglicher zu machen: Sie schreibt an einem Fachartikel, möchte gern ein Fachbuch schreiben und entwickelt eine Keynote. Erste Workshop-Anfragen mit dem Impro Canvas liegen vor. Ihre Haltung dazu ist konsequent improvisiert: Ich mache jetzt einfach mal und schaue, wie es angenommen wird. Aus ihrer Fuldaer Gruppe ist außerdem eine Impro-Schule entstanden, gegründet von einem ihrer Mitgründer, in die jeder gehen und Impro lernen kann. Wie Resilienz, Agilität und Hartnäckigkeit Marketing zum Businesspartner machen, behandelt die Episode 17 über Resilienz im Marketing mit Dirk Miller.

Nur die Kombination von Strategischer Klarheit und Improvisationsfähigkeit führt zu echter Handlungsfähigkeit.
Nur die Kombination von Strategischer Klarheit und Improvisationsfähigkeit führt zu echter Handlungsfähigkeit.

Wichtige Fragen zu agilem Marketing und Impro-Strategie

Was ist agiles Marketing?

Agiles Marketing bezeichnet eine Arbeitsweise, bei der Marketingmaßnahmen in kurzen Zyklen geplant, umgesetzt, gemessen und angepasst werden, statt einmal jährlich durchgeplant und dann abgearbeitet zu werden. Methodisch greift es auf Frameworks wie Scrum und Kanban zurück; das zugrunde liegende Agile Marketing Manifest entstand 2012.

Der Befund dieser Episode setzt genau dort an, wo die Methoden aufhören. Es gibt agile Methoden, aber da fehlt dann oft das Mindset, sagt Sabine Hauss. Praktisch heißt das: Ein Team kann Sprints und Stand-ups einführen und trotzdem nicht agil arbeiten, weil bei jeder Idee der Satz kommt, das haben wir schon immer anders gemacht, und weil niemand etwas ausprobiert, solange Fehler nicht erlaubt sind. Die Impro-Strategie ist ihr Vorschlag, diese Lücke zu füllen: das Mindset aus dem Improvisationstheater übernehmen und mit einer strategischen Basis verknüpfen. Wichtig ist die Vorfrage nach der Relevanz. Agiles Marketing lohnt sich dort, wo das Umfeld tatsächlich volatil und mehrdeutig ist. In Bereichen ohne diese Dynamik, sie nennt Buchhaltung als Beispiel, ist Verlässlichkeit der bessere Maßstab.

Was ist die Impro-Strategie?

Die Impro-Strategie ist die Verbindung von zwei Dingen, die es einzeln schon gibt: dem Mindset aus dem Improvisationstheater und einer strategischen Basis aus Positionierung, Zielen und Zielgruppen. Sabine Hauss formuliert die Notwendigkeit dieser Verbindung selbst: Impro allein reicht nicht, das Mindset allein reicht nicht, und Strategie allein reicht auch nicht, aber zusammen ist es eine Superpower.

Der Grund für diese Konstruktion ist eine Beobachtung an bestehenden Angeboten. Angewandte Improvisation gibt es als Feld schon, meist in Form von Team-Events, in denen das Mindset trainiert wird. Die Teilnehmenden sind danach begeistert und wollen es umsetzen, stoßen im Unternehmen aber auf Führungskräfte, die weiterhin 120 Prozent Perfektion mit zehn Abstimmungsschleifen erwarten. Damit verpufft der Effekt. Die Strategie ist also nicht der theoretische Überbau, sondern der Teil, der das Mindset im Alltag überlebensfähig macht, weil sie begründet, wo improvisiert wird und warum. Auch im Improvisationstheater selbst gibt es diese Basis: Proben, Schauspieltraining und die Entscheidung, was für welches Publikum gespielt wird.

Was bedeutet das Yes-and-Prinzip im Arbeitsalltag?

Yes, and ist das Prinzip, die Idee des anderen zuerst anzunehmen und dann weiterzuentwickeln, statt sie zu prüfen und abzulehnen. Auf der Bühne ist die Notwendigkeit offensichtlich: Wenn einer ein Riesenrad etabliert und der andere darauf besteht, stattdessen Zuckerwatte zu spielen, entsteht nur ein Streit, den niemand sehen will.

Im Arbeitsalltag ist die häufigste Gegenreaktion subtiler und lautet, das geht nicht, das haben wir schon immer anders gemacht. Die praktische Übung dagegen ist die Hausaufgabe dieser Episode und kostet nichts: eine Karte mit „Yes and“ oder „Annehmen“ an den Bildschirm kleben und in den nächsten Meetings beobachten, was passiert, wenn man Ideen anderer eher annimmt und weiterspinnt. Wichtig ist, was Annehmen nicht bedeutet. Es heißt nicht, jede Idee gut zu finden oder auf Kritik zu verzichten, sondern die Bewertung nach hinten zu verschieben, damit aus zwei Ideen eine dritte entstehen kann. Sabine Hauss beschreibt den Nebeneffekt als Kraftgewinn: Man erspart sich die ständige Abgrenzung und das Bedürfnis, alles andere doof zu finden.

Wie baue ich eine Fehlerkultur im Marketing-Team auf?

Eine Fehlerkultur entsteht nicht durch die Ansage, dass Fehler erlaubt sind, sondern durch Situationen, in denen Fehler unvermeidlich und folgenlos sind. Das ist der übertragbare Kern des Impro-Trainings: Es gibt Warm-up-Spiele, die absichtlich immer schneller werden, bis niemand sie mehr schaffen kann. Wer einen Fehler macht, hört noch einmal, und dadurch baut sich die Hemmschwelle ab.

Für den Business-Kontext ordnet Sabine Hauss selbst ein, dass Fehler zu feiern dort vielleicht zu viel ist. Drei Ableitungen bleiben trotzdem. Erstens braucht es Räume, in denen Ausprobieren erwartet und nicht nur erlaubt ist; ihr Beispiel dafür ist die Live-Kommunikation, wo bei einem Event ohnehin immer etwas schiefgeht und niemand ein dreitägig abgestimmtes Konzept verlangt, wenn die Messe morgen startet. Zweitens braucht es die Erfahrung, dass die anderen mitmachen und unterstützen, denn Mut auf der Bühne beruht auf diesem Vertrauen. Drittens, und das ist der begrenzende Faktor, braucht es Rückendeckung von oben. Ohne Management-Buy-in kommt irgendwann die Führungskraft und fragt, was das denn sein soll, und dann trägt keine Fehlerkultur mehr.

Warum braucht agiles Marketing ein Management-Buy-in?

Weil agiles Arbeiten von außen aussieht wie Unfertigkeit, solange niemand weiß, dass es gewollt ist. Sabine Hauss erklärt das mit einem Bild von der Bühne: Wenn das Publikum Faust 1 und 2 erwartet und Improvisationstheater bekommt, kann die Gruppe sich anstrengen wie sie will, es wird nicht funktionieren, weil die Erwartungshaltung nicht passt. Das Publikum muss wissen, dass jetzt Impro passiert.

Übertragen bedeutet das zwei Dinge. Erstens muss die Geschäftsführung wissen und wollen, dass in kurzen Zyklen und mit unfertigen Zwischenständen gearbeitet wird. Sonst folgt die Rückfrage, warum es nicht in 120 Prozent perfekt mit zehn Abstimmungsschleifen vorliegt. Zweitens, und das wird häufig übersehen, müssen auch die umliegenden Abteilungen es verstehen. Sonst entsteht der Satz, das ist jetzt Marketing, die haben wieder irgendeine verrückte Idee. Auf die Frage, ob sich das von unten aufbauen lässt, antwortet Sabine Hauss klar mit Nein. Sie nennt es kein Graswurzelthema, weil man ohne Rückendeckung an einem gewissen Punkt nicht weiterkommt. Der Weg zum Buy-in führt über die Bestandsaufnahme: Wer belegen kann, wo im eigenen Bereich echte Volatilität herrscht und wo ein konkreter Pain liegt, hat ein Argument. Wer nur improvisieren möchte, hat keines.

Wo lohnt sich Improvisation und wo nicht?

Improvisation lohnt sich dort, wo Kreativität gebraucht wird und das Umfeld volatil ist, also im Marketing besonders. Sie lohnt sich nicht dort, wo Verlässlichkeit und Fehlerfreiheit den Wert ausmachen. Sabine Hauss zieht diese Grenze selbst und mit zwei deutlichen Beispielen: In der Buchhaltung braucht es keine Impro-Strategie, dort muss es stimmen und sollte keine Fehler haben. Und bei einem Chirurgen möchte sie ebenfalls keine Impro-Strategie.

Diese Abgrenzung ist kein Nebensatz, sondern methodisch wichtig, weil sie den entscheidenden Prüfschritt liefert. Die Frage lautet nicht, ob man improvisieren will, sondern wie relevant VUCA im eigenen Bereich tatsächlich ist. Wo diese Dynamik fehlt, wird jede Geschäftsführung irgendwann fragen, warum improvisiert wird, und sie hätte recht. Auch innerhalb des Marketings differenziert die Episode: Es gibt Momente, in denen man den Modus bewusst einschaltet, etwa beim Messeaufbau, wenn die Hälfte der Kisten fehlt. Das ist kraftraubend und gleichzeitig energetisierend, weil man im Flow ist. Das darunterliegende Mindset dagegen kostet nach ihrer Beschreibung keine Kraft, weil es eine Einstellung ist und nicht ein Kraftakt.

Was ist der erste Schritt zu mehr Agilität im Marketing?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme, bevor irgendeine Methode eingeführt wird. Das Werkzeug dafür ist in dieser Episode das Impro Canvas mit Leitfragen, das drei Bereiche abfragt: die Mindset-Faktoren, die strategische Basis und die Relevanz von VUCA im eigenen Bereich.

Der Nutzen dieser Reihenfolge liegt darin, dass sie das eigentliche Problem sichtbar macht, statt eine Standardlösung darüberzulegen. Sabine Hauss beschreibt, wie unterschiedlich die Befunde ausfallen: Ein Team kann in der Kommunikation stark sein und trotzdem ein Vertrauensthema haben, weil ihm das Vertrauen von außen fehlt, was Marketern besonders häufig passiert. Bei der strategischen Basis fehlt oft die Positionierung oder die Klarheit über Zielgruppen und Ressourcen. Ihre beiden Beispiele dafür sind unbequem konkret: Alle wollen KI machen, aber niemand beschäftigt sich wirklich damit. Oder man bräuchte agile Software und hat nur Excel. Eine allgemeingültige Vorlage dafür, wo das Problem liegt, gibt es nach ihrer Einschätzung nicht.

Für den Einstieg genügt das Canvas allein, etwa für Selbstständige oder als Brainteaser für einzelne Personen. Sobald mehrere Teams oder Bereiche beteiligt sind, braucht es erst ein gemeinsames Verständnis der Kriterien, und dafür kann ein Workshop sinnvoll sein. Wer zusätzlich einen Eindruck vom Mindset selbst gewinnen will, dem empfiehlt sie den einfachsten Weg: einmal eine Impro-Veranstaltung anschauen. Dabei lohnt es sich zu wissen, dass Gruppen unterschiedlich arbeiten. Manche stellen wie ihre eigene die Frage nach dem Publikum und den eigenen Stärken in den Mittelpunkt, andere wollen sich vor allem selbst herausfordern und zeigen das Impro-Mindset in Reinform, mit weniger strategischem Zielgruppendenken.